Bibliotheken im Dienste der Medizin. Gestern – Heute – Morgen.

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Teil des Gilgamesh-Epos aus der Bibliothek des Assurbanipal

Gestern

Die Geschichte der Medizin und die Geschichte der Medizinbibliotheken sind eng miteinander verknüpft. Einige der ältesten medizinischen Aufzeichnungen wurden in einer Bibliothek in Ninive gefunden. Die Tontafeln waren ca. 4.000 Jahre alt und stammten aus der Palastbibliothek des assyrischen Herrschers Assurbanipal (1). Der König erweiterte seine Sammlung systematisch und ließ alle Tafeln verzeichnen und sachlich ordnen. Zu diesem Zweck beschäftigte er Einkäufer, Schreiber, Übersetzer und Archivare. Bis in die Neuzeit hinein wurden Medizinbibliotheken meist von Ärzten oder anderem medizinischem Fachpersonal wie Apothekern geführt. Mit der exponentiellen Zunahme des medizinischen Wissens Mitte des 20. Jh. wurde die Leitung an Fachleute delegiert, die dafür speziell ausgebildet waren. Aus dem Ärztebibliothekar wurde der Medizinbibliothekar.

Heute

Das klassische Verständnis des Medizinbibliothekars als ausschließlichen Käufer und Ordner von Fachliteratur stimmt nicht mehr. Das Aufgabenspektrum hat sich in den letzten Jahrzehnten – ausgerichtet an den Ansprüchen der Ärzte und Wissenschaftler – weiter entwickelt. In den 70ern Jahren wurden Medizinbibliothekare zu Informationsvermittlern, als es möglich wurde, über Modem in großen Literaturdatenbanken zu recherchieren. Sie wurden zu Ausbildern für die Suche in Medline auf CD-ROM in den 80ern, zu Internet-Trainern in den 90ern und zu Experten in Evidenz-basierter Medizin in den 00er Jahren. Sie lizenzieren elektronische Zeitschriften in bundesweiten Konsortien und verleihen E-Books und Tabletcomputer. Bei all diesen Entwicklungen haben Medizinbibliothekare frühzeitig die verfügbaren Medien, Werkzeuge und Techniken auf Relevanz für ihre Klienten geprüft und diese dann proaktiv in ihren Dienstleistungskanon aufgenommen.

Heute finden sich in Medizinbibliotheken fachlich kompetente Ansprechpartner zu so vielfältigen Themen wie Autorenbetreuung, bibliometrische Analysen, Clincial Decision Systems, Collaborative Writing Tools, Datenmanagement, Forschungsintegrität, Informationskompetenz, Langzeitarchivierung, Open Access, Publikationsservern und Urheberrechtsfragen.

Morgen

Gegenwart und Zukunft halten weitere Herausforderungen für Medizin und Bibliothek bereit. Wir erleben zurzeit die ersten Schritte der Zusammenführung, Digitalisierung und Analyse aller medizinischen Daten einer Person. Dies betrifft sowohl die Akten des Gesundheitssystems als auch die gesundheitsrelevanten Daten, die über Lifestyle-Geräte wie die Apple Watch gesammelt werden. Datenmanagement und Datenschutz sind bei diesem sensiblen Thema besonders wichtig. (2) Aber auch für Forscher ist der Umgang mit Daten kein Selbstläufer, wie Daniel Lemire, Computerwissenschaftler aus Montreal, einräumt: “ So I think that librarians should move on to more difficult tasks. For example, we badly need help with what I would call ‘meta-science’. […] We need help tracking data sets, their transformation and so on. In effect, I would push librarians into data science. That’s the next frontier.” (3)

Zum Schutz der Daten vor Google und Co. brauchen wir vertrauenswürdige Institutionen, wie die Initiative „Hub of all Things“ zeigt. (4) Auch König Assurbanipal war darauf bedacht, dass Tontafeln mit sensiblen Informationen wie seine Regierungsverlautbarungen oder Leberorakel nicht jedermann zugänglich waren. Man fand sie bei den Ausgrabungen in einem besonders geschützten Raum der Bibliothek.

  1. Birchette KP. The history of medical libraries from 2000 B.C. to 1900 A.D. Bull Med Libr Assoc. 1973 Jul;61(3):302-8
  2. Gropp M. Der vermessene Patient. Das Geschäft mit Gesundheitsdaten nimmt immer mehr Fahrt auf. F.A.Z. 29.06.2015, S.22
  3. Lemire D. Let us be clear. 29.08.2012
  4. Warwick Manufacturing Group, University of Warwick, UK. What is the Hub of all Things? 19.03.2015

Foto: Library of Ashurbanipal The Flood Tablet von Fæ. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

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